Innovationsportal Better Smart berichtet über DigiCare Robo

Veröffentlicht: 28. Juli 2022

In der Rubrik Smarte Gesundheit berichtete das Braunschweiger Innovationsportal Besser Smart über unseren humanoiden Pflegeroboter Cruzr und über die Ziele, Chancen und die aktuellen Herausforderungen im Projekt DigiCare Robo.

Dank Roboter näher am Menschen

Roboter in Gesundheit und Pflege sind eine faszinierende aber zugleich für viele Menschen auch unheimliche Zukunftsvision: Groß ist die Angst vor Arbeitsplatzverlust und sozialer Kälte. Gemeinsam mit der AWO Braunschweig entwickelt ein Team der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel einen humanoiden Roboter, der die Bedingungen in Pflegeeinrichtungen sogar menschlicher gestalten soll. Der praktische Helfer wird schon bald am Empfang tätig sein, kleinere Bestellungen aufnehmen oder Podcasts abspielen. Das Ziel des Projekts DigiCare Robo: Dank robotischer Assistenz bleibt den Pflegekräften mehr Zeit für die eigentliche Arbeit am Menschen.

humanoider roboter cruzr mit kelly kollmorgen
Kelly Kollmorgen ist Digitalisierungsmanagerin beim AWO-Bezirksverband Braunschweig und steht in ständigem Austausch mit den Pflegekräften.
© Philipp Ziebart

Ein Meter zwanzig hoch, 45 Kilo schwer und trotz modernster Technik irgendwie niedlich – sein Name ist Cruzr, und er ist gekommen, die oft schwierigen Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern: „Mit dem Roboter möchten wir die Pflegekräfte bei einfachen Tätigkeiten entlasten, damit sie sich wieder mehr der Pflegearbeit widmen können“, erklärt mir Kelly Kollmorgen. „Er wird aber nicht in der Pflege selbst eingesetzt“, so die Digitalisierungsmanagerin beim AWO-Bezirksverband Braunschweig, und entkräftet damit auch gleich eines der am häufigsten gehörten Bedenken. „Das kann und soll die Technik gar nicht leisten.“

Der Grundstein für das Projekt wurde im Rahmen der „Entwicklungsplattform Innovative Pflege – InCa 4D“ unter Leitung der Projektträgerin Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH gelegt: Gemeinsam mit Pflegekräften und IT-Spezialisten ging man in einer Reihe von Workshops der Frage nach, welche Potentiale digitale Technologien in der Pflege bieten. „Wir beziehen die Angestellten laufend mit ein und lassen ihre Ideen aber auch ihre Kritik ins Projekt fließen“, erzählt mir Kollmorgen. Im Rahmen dieses Austauschs kristallisierten sich diverse Funktionen heraus, die in den kommenden zwei Jahren mit Fördergeldern des Amts für regionale Landesentwicklung Leine-Weser technisch realisiert und begleitend im Wohn- und Pflegeheim am Heidberg erprobt werden.

Wohl jeder, der schon mal außerhalb der regulären Zeiten ein Familienmitglied in einer Pflegeeinrichtung besucht hat, kennt das Problem: Man steht vor verschlossener Tür, bis eine ausgelastete Pflegekraft kommt, hastig öffnet und wieder davoneilt. Während der Pandemie hat sich das durch die Aufnahme von Kontaktdaten und die Überprüfung von Test- und Impfzertifikaten noch verschärft. Und anschließend beginnt eine Odyssee nach dem Zimmer. Überall dort könnte Cruzr als erster Ansprechpartner für Abhilfe sorgen, denn Einlassen, Überprüfen von Daten und Helfen bei der Orientierung sind für den intelligenten Humanoiden eine Kleinigkeit. „In der ersten Phase wird Cruzr hauptsächlich als Empfangsroboter dienen und die Pflegekräfte bei einfachen Verwaltungsaufgaben entlasten“, fasst Kollmorgen zusammen.

Im zweiten Schritt wird der kleine Helfer dann auch in Kontakt mit den Patienten kommen. So soll er von Zimmer zu Zimmer fahren und kleinere Bestellungen der Bewohner aufnehmen, zum Beispiel von Hygieneartikeln. Auch an die Einnahme von Medikamenten kann er erinnern. Dank seines Displays am Kopf könnte er zudem für Unterhaltung sorgen, indem er Podcasts abspielt oder einfache Spiele anbietet. Auch die nächtliche Kontrolle, ob die Bewohner sicher in ihren Betten liegen, sei durch Cruzr möglich: „Vor allem in der oft nur dünn besetzten Nachtschicht wäre der Roboter auf diese Weise eine Unterstützung“, erzählt mir Prof. Reinhard Gerndt, der an der Fakultät Informatik der Ostfalia das Entwicklungsteam leitet, und lacht: „Das scheitert derzeit aber noch am Türen öffnen, denn seine kleinen Arme sind einfach zu schwach.“

pflegeroboter cruzr mit professor reinhard gerndt von der ostfalia hochschule
Bereits im vergangenen Jahr genoss Cruzr gemeinsam mit Prof. Gerndt auf dem innovativen HealthHack der Metropolregion GmbH das Rampenlicht. © Philipp Ziebart

Prof. Gerndt und sein Team aus Studierenden und Projektmitarbeitenden widmen sich bereits seit mehr als zehn Jahren den Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung in Pflege und Gesundheit. „Man wird künftig automatisieren müssen, denn es gibt weder genug Personal, noch kann man sich den gewünschten Umfang finanziell überhaupt leisten“, fasst Gerndt die Situation zusammen. „Daher schauen wir, was man technologisch separieren kann.“ Unter zahlreichen Angeboten auf dem Weltmarkt haben sie als Basis für das Projekt schließlich Cruzr gewählt, eine chinesische Entwicklung, die zu den Anforderungen passt und verhältnismäßig preisgünstig ist. Diese gilt es nun, in Wolfenbüttel mit eigenen Technologien zu erweitern. So arbeiten die Forschenden beispielsweise an einem intelligenten Thermometer, mit dem Cruzr Infekte anhand der Temperaturkurve erkennt, noch bevor sie ausgebrochen sind. Und dank seiner Arme führt er auf spielerische Art und Weise aktivierende Bewegungsübungen mit einzelnen Patienten durch, die sich vor Gruppen-Therapien scheuen.

Parallel zur Herstellung der Grundfunktionen steht für Ostfalia und AWO die Akzeptanz der Technologie im Fokus: „Wir müssen Workshops für Menschen bieten, die keinen Informatik-Hintergrund haben, und ihre Digitalkompetenz fördern“, skizziert mir Gerndt die Pläne. Denn am Ende sollen alle die Geräte bedienen können, ohne ständig einen Techniker rufen zu müssen: „Unser Ansatz ist eine möglichst einfache Programmierumgebung, ähnlich Lego Mindstorms.“ Und egal, wie die Ergebnisse des Projekts am Ende tatsächlich aussehen – ein Erfolg für den Innovationsstandort Braunschweig ist es jetzt schon: „Ich war gerade erst auf einem Netzwerktreffen in Madrid, da ging es um Neuroregeneration und Exoskelette. Auch dort weiß man, was wir machen und kennt unsere Region“, erzählt mir Prof. Gerndt stolz. "Wir strahlen europaweit aus.“

Text: Stephen Dietl, veröffentlicht bei Besser Smart – Das Innovationsportal
Bildnachweis: Philipp Ziebart

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