Herr Prof. Dr. Thomas Hanschke im Abschiedsinterview

Veröffentlicht: 19. Juli 2021

Nach achteinhalb Jahren im Vorstand und sechseinhalb Jahren als Vorstandsvorsitzender des Vereins Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen in der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg verabschiedete sich Prof. Dr. Thomas Hanschke, ehemaliger Präsident der TU Clausthal und Landesbeauftragter für die Hochschulzusammenarbeit zwischen Niedersachsen und China, zum 30. Juni 2021 aus allen Gremien. Zu seiner Nachfolgerin wurde Frau Prof. Dr. May-Britt Kallenrode, neue Präsidentin der Universität Hildesheim, gewählt. Kai Florysiak, Geschäftsführer der Metropolregion GmbH, unterhielt sich mit Thomas Hanschke über die Bedeutung der Metropolregion als Wissenschaftsstandort und den Transfer in die Wirtschaft.

Kai Florysiak: Herr Prof. Hanschke, achteinhalb Jahre sind eine lange Zeit, in der Sie die Metropolregion im besten Sinne nachhaltig geprägt haben. Der Transfer aus der Wissenschaft in die Wirtschaft war Ihnen immer ein Anliegen. Was war Ihr Antrieb?

Prof. Hanschke:Ich habe die Metropolregion GmbH immer als Motor für die sogenannte Third Mission unserer Hochschulen betrachtet, d.h. für den Wissenstransfer in die Wirtschaft und die Gesellschaft. Denn in welcher Institution sonst noch sitzen die Hochschulen mit ihren Stakeholdern, der Wirtschaft, den Kommunen, den Städten und dem Land an einem Tisch? Gerne erinnere ich mich an unsere erfolgreiche Beteiligung am Bundesprogramm Schaufenster Elektromobilität. Auch wenn das Projekt schon eine Zeit zurückliegt, beweist es, dass die Institutionen der Metropolregion effizient und professionell zusammenarbeiten können und hervorragende Ergebnisse erzielen können. Unsere gemeinsamen Vorstandssitzungen mit dem Verein Wirtschaft der Metropolregion GmbH und Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen e.V., habe ich immer als besonders  inspirierend empfunden. Einen direkteren Draht zur Wirtschaft kann man sich als Hochschule nicht wünschen.

Kai Florysiak: Sie sagen es – das Programm liegt einige Zeit zurück. Inzwischen hat sich neben der Mobilität die Gesundheitswirtschaft als mindestens gleichrangiges Thema entwickelt. Aus einem ganzen Blumenstrauß an verschiedensten Projekten ist zuletzt eine klare Fokussierung geworden – der richtige Weg aus Ihrer Sicht?

Prof. Hanschke: Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, müssen wir unsere Kräfte bündeln. Der Aufsichtsrat empfiehlt deshalb folgerichtig, sich zukünftig nur noch auf drei Arbeitsfelder zu fokussieren: Gesundheitswirtschaft, Mobilität und Standortmarketing. Das Thema Gesundheitswirtschaft ist gesetzt. Ein Lenkungskreis und ein Fachbeirat koordinieren die Zusammenarbeit. Das Thema Mobilität hat im Konzert mit VW zweifelsohne ganz wesentlich zur Reputation der Metropolregion beigetragen. Aber wir tun uns schwer, noch einmal an den Erfolg von 2012 anzuknüpfen. Meine Kolleginnen und Kollegen im Verein propagieren deshalb, stärker auf das Thema Energie, insbesondere Wasserstofftechnologien, zu setzen. Immerhin gehören vier der fünf Mitgliedshochschulen des Niedersächsischen Energieforschungszentrums zur Metropolregion und in Salzgitter entsteht gerade der Wasserstoff-Campus. Ich denke, es macht generell Sinn, stärker die Zukunft zu denken und von Zeit zu Zeit in neue Themen zu investieren. Und beim Standortmarketing wird u.a. mit der ExpoReal und weiteren Kommunikationsmaßnahmen die Metropolregion national und teils international präsentiert.

Kai Florysiak: Wie beurteilen Sie unsere Metropolregion als Wissenschaftsstandort? Da ist doch sicher noch Potenzial?

Prof. Hanschke: Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat diese Frage kürzlich im Auftrag der Hamburger Akademie der Wissenschaften für die Metropolregion Hamburg geklärt. In die Studie eingeschlossen waren die Metropolregionen München, Rhein Main, Berlin und Kopenhagen. Der Verein hat diese Studie um die Hochschulen und Universitäten der Metropolregion ergänzt. Folgt man den Indikatoren dieser Studie, dann stellt man fest, dass unsere Metropolregion, was ihre Infrastruktur und ihr wissenschaftliches Umfeld (Anzahl Professuren, Anzahl Studierende, Anzahl Studienanfänger usw.) betrifft, hier in der oberen Liga mitspielt. Verbesserungspotenzial gibt es bei der Internationalisierung und beim sogenannten Tech Hub Index, der die Technologie-Cluster einer Region anhand ihrer räumlichen Konzentration und künftiger technologischer Wettbewerbsfähigkeit bemisst. Alles in allem kann man sagen, dass die Metropolregion für die Wissenschaft sehr gute Voraussetzungen mitbringt. Hinzu kommen ca. 51 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen (u.a. Max Planck, Helmholtz, Leibniz und Fraunhofer) und die einzigartige niedersächsische Einrichtung VW Stiftung, die die Hochschulen massiv finanziell unterstützt. In der Pandemie hat sich gezeigt, welches Potenzial die Metropolregion auf diesem Gebiet mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Medizinische Hochschule Hannover, TU Braunschweig und weiteren Einrichtungen hat.

Kai Florysiak: Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen unsere Hochschulen, gerade wenn man die weiteren Etatkürzungen in Niedersachsen betrachtet?

Prof. Hanschke: Ich denke, wir werden bald wieder gespannt auf die Universität Göttingen blicken, wenn die Deutsche Forschungsgemeinschaft die nächste Förderphase ihrer Exzellenzstrategie einläutet. In jedem Fall werden die Hochschulen daran arbeiten müssen, nach der Pandemie nicht auf eine digitale Fernhochschule reduziert zu werden, sondern sich durch geschickte und innovative Verknüpfung der digitalen und analogen Möglichkeiten in Forschung und Lehre eine nachhaltige Position als Präsenzhochschule zu erkämpfen. Die weiteren Kürzungen sind schmerzhaft und die falsche Strategie, trotz Corona, denn unsere Wissenschaft ist die wertvollste Ressource, die wir im Land haben.

Kai Florysiak: Und was fordern die Studierenden aufgrund ihrer Erfahrungen während der Pandemie?

Prof. Hanschke: Die Studierenden würden gern etwas unabhängiger von Zeit und Raum unterrichtet werden. Sie halten den konventionellen Vorlesungsbetrieb für überholt. Sie wollen kollaborativ lernen und wünschen sich dafür attraktive Lernorte und eine intensive physische Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden. Es geht ihnen aber nicht nur um die zeitliche, sondern auch um die inhaltliche und organisatorische Flexibilisierung des Studiums. In diesem Zusammenhang bin ich gespannt, wieviel Zeit es noch braucht, bis die Studierenden - vergleichbar zur freien Arztwahl im Gesundheitswesen - ihren Studienplan hochschulübergreifend und individuell zusammenstellen dürfen. Und wann endlich revidieren wir unser Prüfungssystem! Die Industrie hat sich schon vor mehr als 40 Jahren von der Vollkontrolle verabschiedet und ihre Produkte trotzdem kontinuierlich verbessert. Die Vielzahl und monotone Form von Prüfungen halte ich für unangemessen und nicht mehr zeitgemäß.

Kai Florysiak: Wenn wir noch einmal auf die Metropolregion schauen: Welche Aufgaben würden Sie uns ins Pflichtenheft schreiben?

Prof. Hanschke: Als Strategiemuster erfolgreicher Metropolregionen werden in der genannten Studie drei Ansätze genannt: Event-Ansatz (Veranstaltungsreihen sollen die Aufmerksamkeit der Stakeholder der Wissenschaft wecken), Cluster-Ansatz (klares Standortprofil durch Fokussierung auf Kernthemen) und Image-Ansatz (Positionierung als Wissenschaftsregion als Schwerpunkt der Marketing-Strategie). Rückblickend kann ich sagen, dass sich unsere Metropolregion stets an diesen Faktoren orientiert hat.

Kai Florysiak: Was sagen Sie zur neuen Organisationsstruktur und zum neuen Gesellschaftervertrag der Metropolregion GmbH, der ab dem 1.1.2022 gelten soll?

Prof. Hanschke: Ich begrüße, dass es ein klares Commitment für die Gesellschaft als zentrale richtungsweisende Einheit zur Koordinierung und Steuerung der metropolregionalen Zusammenarbeit gibt. Außerdem freue ich mich, dass man im Gesellschafterausschuss auch dem Vorschlag unseres Vereins gefolgt ist, den Bereich „Projektmanagement“ personell deutlich besser auszustatten. Damit werden wir bei Förderanträgen mehr Schlagkraft gewinnen, was am Ende vor allem der Wissenschaft und Wirtschaft Vorteile bringen wird. Der Gesellschafterausschuss hat in der kurzen Zeit seines Bestehens hervorragende Arbeit geleistet. Die neue Organisationsstruktur und der neue Gesellschaftervertrag werden sich noch als Meilensteine in der Entwicklung der Metropolregion GmbH erweisen!

Kai Florysiak: Was ist Ihr Resümee am Ende Ihrer Amtszeit?

Prof. Hanschke: Die Gründung der Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH ist ein sinnvoller Schritt gewesen. Natürlich sind wir alle immer wieder neu aufgefordert, uns aktiv an der Entwicklung unserer Metropolregion zu beteiligen. Die Nachbarschaft zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fand ich immer inspirierend, wie ich auch die cross-funktionale Zusammenarbeit zwischen unseren Hochschulen als ein besonderes Charakteristikum der niedersächsischen Hochschullandschaft betrachtete. Es gilt jetzt, noch mehr daraus zu machen! Die Metropolregion ist dafür der beste Ort.

Kai Florysiak: Lieber Herr Prof. Hanschke, herzlichen Dank für die ebenso intensive, wie immer konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit in den letzten Jahren. Alles Gute für Sie.

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