Auf den Punkt - Comprehensive Cancer Center Niedersachsen (CCC-N)

Veröffentlicht: 30. Juni 2022

Mit dem Zusammenschluss zum CCC-N im November 2019 nutzen die Universitätsmedizin Göttingen und die Medizinische Hochschule Hannover ihre Synergien und stärken die Krebsmedizin in Niedersachsen, um für ein gemeinsames Ziel einzutreten: Patient*innen nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen noch besser zu versorgen und innovative Krebsforschung voranzutreiben. Wir durften bereits vor einem Jahr, zum Zeitpunkt der Bekanntgabe der Förderung des CCC-N als onkologisches Spitzenzentrum, mit Prof. Ellenrieder und Prof. Hillemanns sprechen (Link zum Interview hier). Heute, ein Jahr später, sind wir erneut im Gespräch.

GesundheIT: Vor einem Jahr haben wir über die digitale Transformation der Onkologie gesprochen – gibt es hier bereits Fortschritte zu verzeichnen?

Hillemanns: Die größten Fortschritte werden nach wie vor im Bereich der Diagnostik und Entscheidungsunterstützung erzielt. Dazu zählen die Digitalisierung pathohistologischer Präparate im Routineeinsatz der Krankenversorgung mit Einsatz künstlicher Intelligenz, die Erstellung maschinenlesbarer strukturierter Befunde, mit denen Daten ohne Zwischenschritt fehlerfrei an das zentrale Datenregister übergeben werden können oder die softwaregestützte teilautomatisierte Datenrecherche beim Molekularen Tumorboard. Zur Unterstützung unserer Tumorkonferenzbesprechungen haben wir virtuelle datenschutzkonforme Lösungen geschaffen, so dass externe Partner und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte unkompliziert an den Besprechungen teilnehmen können.

Wir arbeiten stetig und intensiv an der Vernetzung der Tumordokumentation mit klinischen Informationssystemen und Kommunikationsplattformen, über die wir sicher und geschützt verschiedene Daten austauschen können. Das ermöglicht optimierte klinische Prozesse, stellt Entscheidungshilfen zur Verfügung und unterstützt unsere Forschungsaktivitäten. Wir sind beispielsweise seitens des CCC-N nun nahezu vollständig an die Clinical Communication Plattform (CCP) des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) angebunden. Die CCP dient hier als „Datendrehscheibe“ und vernetzt als IT-Infrastruktur alle dazugehörigen Standorte des Konsortiums und ermöglicht es Forschenden durch einen gemeinsamen Datenpool zum Beispiel Machbarkeitsschätzungen für klinische Studien durchzuführen.

GesundheIT: Sie arbeiten am Aufbau und der Weiterentwicklung spezialisierter und qualitätsgesicherter Strukturen für die Versorgung von Krebspatienten in der Region, u.a. im Rahmen eines Molekularen Tumorboards – was bedeutet das?

Hillemanns: Die molekulare Diagnostik nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Es eröffnet uns in der Versorgung von onkologischen Patientinnen und Patienten neue Therapieoptionen. Häufig liegt jedoch noch keine erforderliche Evidenzlage vor, daher muss eine patientenindividualisierte Therapieempfehlung von einem Expertengremium erfolgen. Aus diesem Grund bauen wir derzeit an beiden CCC-N Standorten ein sogenanntes Zentrum für Personalisierte Medizin, ZPM, auf. Ziel dieser Zentren ist es, Patientinnen und Patienten mit seltenen oder fortgeschrittenen Erkrankungen, für die Leitlinienbehandlungen fehlen oder bei denen die vorherige Behandlung erfolglos war, personalisierte Therapien zukommen zu lassen. Das Molekulare Tumorboard ist hier das zentrale Instrument. Gemeinsam mit anderen ZPM bilden wir das Deutsche Netzwerk Personalisierte Medizin, kurz DNPM. Durch die gebündelte Expertise an den unterschiedlichen Standorten schaffen wir die Voraussetzung, die bestmögliche Therapieentscheidung, basierend auf der aktuell vorliegenden Evidenz für die Patientinnen und Patienten zu treffen.

GesundheIT: Sie haben kürzlich das Klaus-Bahlsen-Zentrum für integrative Onkologie eröffnet, herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet das für die Versorgung von Krebspatient*innen in einem Flächenland wie Niedersachsen? Wie gehen Sie diese Herausforderung weiter an?

Hillemanns: Die integrative Onkologie und Fragen zu Verfahren aus diesem Bereich sind mittlerweile regelmäßiger Bestandteil in der Behandlung onkologischer Patientinnen und Patienten geworden. Integrative Onkologie verbindet naturheilkundliche und komplementärmedizinische Therapien mit konventioneller Onkologie. Dabei wird das Ziel verfolgt, die Lebensqualität zu verbessern, Nebenwirkungen zu lindern sowie die bestmögliche Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit von an Krebs erkrankten Menschen. Im Mittelpunkt steht dabei ein ganzheitlicher Ansatz, der neben körperlichen Aspekten auch psychische oder soziale Probleme berücksichtigt. Neben der Ausgestaltung von Betreuungsangeboten wollen wir die wissenschaftliche Evaluation der integrativen Onkologie intensivieren und neue Projekte in dem Bereich anstoßen – insbesondere die Patientenpartizipation in der klinischen Forschung ausbauen. Ziel ist es, das gesamte Spektrum der onkologischen Versorgung auf evidenzbasierter Grundlage zu entwickeln. Seriöse komplementäre Medizin ist nur dann möglich, wenn sie auf wissenschaftlichen evidenzbasierten Erkenntnissen beruht. Nur so können informierte Entscheidungen für oder gegen komplementäre Therapieformen getroffen werden. Das Zentrum leistet hier einen Beitrag.

GesundheIT: Wo liegt Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt? Wohin muss sich die Krebsforschung bis 2030 entwickeln?

Hillemanns: Unser Leitmotiv „Präzision und Sorgfalt in Krebsforschung und -behandlung“ spiegelt sehr gut unsere Kernforschungsschwerpunkte wider: So ist Präzision in der Krebsbehandlung vor allem durch eine umfassende individuelle Vorhersage möglich. Forschungsaktivitäten im Bereich Genomdynamik und Immunregulation bei Behandlungsresistenzen verfolgen das Ziel, ein besseres molekulares Verständnis von Resistenzen zu bekommen und therapeutische Strategien zur Überwindung dieser Resistenzen zu entwickeln. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Infektion und Krebs. Hier untersuchen wir die Krebsentstehung durch sogenannte onkogene Viren. Unsere Forschungsprojekte zu stratifikationsbasierter Therapie und Vorhersage unerwünschter Nebenwirkungen kombinieren das Verständnis genetischer und zellulärer Vorgänge in den Krebszellen mit der Entwicklung darauf ausgerichteter Therapieansätze und Reduktion von Nebenwirkungen. Zu den weiteren Schwerpunkten zählen die Bereiche Versorgungsforschung, die palliative und psychosoziale Versorgung sowie Forschungsaktivitäten in der Bildgebung und bildgestützter Interventionen in der Onkologie.

Fortschritte in der Krebsforschung und damit auch in der späteren Behandlung werden mit vielen kleinen Schritten erkämpft. Wichtig ist, im Labor gewonnene innovative Erkenntnisse möglichst rasch Patientinnen und Patienten in Form verbesserter Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zugutekommen zu lassen.

Weiterhin haben wir auch einen Forschungsschwerpunkt in der Prävention: mit der sogenannten HANSE-Studie bei Lungenkarzinomen und der HaSCo-Studie bei Gebärmutterhalskrebs.

GesundheIT: Wie schätzen Sie die Entwicklung prädiktiver Ansätze zur Absenkung von Eintrittswahrscheinlichkeiten im Rahmen personalisierter Medizin ein?

Hillemanns: In den letzten Jahren hat sich die Systemtherapie in der Krebsmedizin erheblich geändert. Bei vielen Tumorentitäten lässt sich schon in der voroperativen oder auch intraoperativen Gewebeprobe eine sehr feine Charakterisierung des Krebses erzielen. Durch diese Tumorcharakterisierung beschränkt sich die Therapie nicht mehr auf die klassische Trias von operieren, bestrahlen und Chemotherapie. Prädiktive Marker erlauben eine zielgerichtete, das heißt auf die jeweilige Erkrankung und Mensch personalisierte Therapie, die in vielen Fällen mit besserer Wirkung und weniger Nebenwirkungen verbunden ist. Diese rasante Dynamik wird zunehmen.

GesundheIT: Das CCC-N steht mit der OnkoAkademie auch für eine intensive Förderung des Nachwuchses in verschiedenen Bereichen der Krebsmedizin und für unterschiedliche Berufsgruppen. Welche Angebote gibt es und wie werden diese angenommen? 

Hillemanns: Unsere vergleichsweise junge OnkoAkademie verfolgt ein innovatives, ganzheitliches Bildungskonzept für Niedersachsen: Patientinnen und Patienten, Interessierte, medizinische und wissenschaftliche Berufsgruppen sowie Studierende erhalten Zugang zu Informationen, erfahrenen Projektteams, Infrastruktur und Schlüsseltechnologien. Dabei ist es uns wichtig, alle onkologisch Interessierten einzubeziehen. Mit regelmäßigen Veranstaltungen, Aktionstagen und festen Veranstaltungsreihen richten wir uns beispielsweise speziell an Krebs erkrankte Menschen und ihre Angehörigen. Für alle, die an der Versorgung onkologischer Patientinnen und Patienten beteiligt sind, bietet wir verschiedene Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen an wie Qualitätszirkel, Symposien oder Kurse zur klinischen Fortbildung. Für wissenschaftliches Personal werden seit diesem Jahr in regelmäßigen Abständen Journal Clubs durchgeführt. Dabei handelt es sich um eine Vortragsreihe, die den Austausch zwischen den Forschenden der MHH und der UMG fördern soll. Zudem verfügen wir über Förder- und Beratungsmöglichkeiten für unseren wissenschaftlichen Nachwuchs, Forschungskollegs oder Frauenförderungsprogramme. Studierende der Humanmedizin und der Biowissenschaften können verschiedene Wahlfächer belegen. Schrittweise werden auch Blended-Learning-Modelle in allen onkologischen tätigen Bereichen integriert. Angehende Naturwissenschaftler*innen finden an unseren Standorten verschiedene Bachelor-, Master und Promotionsprogramme.

GesundheIT: Worin wünschen Sie sich vom metropolregionalen Verbund Unterstützung und was werden Sie einbringen? 

Hillemanns: Die Krebsmedizin hat in Niedersachsen mit der Auszeichnung zum onkologischen Spitzenzentrum einen besonderen Stellenwert eingenommen. Damit einher geht der Auftrag das Thema Onkologie weiter zu fördern und zu vertiefen. Innovative Entwicklungen aus der Grundlagenforschung brauchen einen sogenannten translationalen Ansatz. Diese Umsetzung gelingt nur mit Public-private-Partnership. Das Ziel ist die Etablierung eines Standortübergreifenden interdisziplinären Zentrums für klinische Krebsforschung (IZKKF Niedersachsen), um standortübergreifend ein gemeinsames strukturiertes Forschungsförderungsinstrument der Universitätsklinika in Niedersachsen zu schaffen. Hierfür brauchen wir die Unterstützung und die enge Vernetzung mit dem metropolregionalen Verbund um für die biomedizinische Krebsforschung in Kooperation mit klinischen Disziplinen und wissenschaftlichen Grundlagenfächern die notwendigen Impulse zu geben.

GesundheIT: Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Prof. Dr. Hillemanns.

„Unsere Vision ist die Transplantation ohne Immunsuppression“

Prof. Dr. Rainer Blasczyk, Projektleiter Invisible Organs

Gentechnische Organmodifikation zur Vermeidung einer Abstoßung –  der Innovationsverbund Invisible Organs geht neue Wege in der Transplantationsmedizin: modifiziert wird das Spenderorgan, nicht die Empfänger*innen. Gefördert durch die Europäische Union und das Land Niedersachsen und kürzlich für den Innovationspreis Niedersachsen 2022 nominiert, freuen wir uns heute mit Projekteiter Prof. Dr. med. Rainer Blasczyk von der Medizinischen Hochschule Hannover unter anderem über das Projekt, die Vorteile eines unsichtbaren Organs, den Innovationsverbund und die Praxisreife zu sprechen.

GesundheIT: Unsichtbare Spenderorgane – was bedeutet das in 3 Sätzen? 

Blasczyk: Invisible Organs sind ein vollkommen neuer Ansatz, um das Problem der Abstoßung nach Organtransplantation zu lösen. Diese weltweit einzigartige Behandlungsmethode macht das Transplantat immunologisch unsichtbar, indem die Gewebemerkmale ex vivo gentechnisch dauerhaft ausgeschaltet werden. Dadurch fehlen die Zielstrukturen für die immunologische Abstoßung, so dass das Organ durch das Immunsystem der Empfänger*innen nicht mehr als fremd erkannt werden kann.

GesundheIT: Was sind die Vorteile eines IO für den Empfangenden?

Blasczyk: Organabstoßung und Immunsuppression sind die Hauptprobleme der Transplantation. Diese Problematik ist seit Jahrzehnten ungelöst. Die Immunsuppression ist mit schweren Nebenwirkungen verbunden, insbesondere mit Infektionen und Malignomen. Transplantation muss daher neu gedacht werden, um Fortschritte zu erzielen.

Unsere Vision ist die Transplantation ohne Immunsuppression. In unserem Innovationsverbund haben wir dafür einen komplett neuen Ansatz entwickelt: die Tarnkappen für Organe. Anstatt einer Immunsuppression beim Organempfänger wird eine immunologische Unsichtbarkeit des Spenderorgans erzeugt. Diese disruptive Innovation bietet eine neue Dimension in der Organtransplantation: Unsichtbare Organe statt lebenslange Immunsuppression.

Durch einen gendersensitiven Ansatz wird zudem die bisher bestehende Benachteiligung von Frauen in der Transplantation beseitigt. Denn Frauen sind durch vorangegangene Schwangerschaften und dadurch bedingte Immunisierungen gegen Gewebemerkmale bei Transplantationen erheblich benachteiligt. Diese Benachteiligung wird durch die Invisible Organs aufgehoben, da die Gewebemerkmale der Organe ausgeschaltet werden.

GesundheIT: Inwiefern profitiert Ihre Forschung vom Innovationsverbund der MHH, LUH und FH? Wie greifen die Teilprojekte ineinander? 

Blasczyk : Die Technologie der Invisible Organs ist komplex. Die gentechnische Modifikation der Organe erfolgt ex vivo in einer Maschine, die in der Lage sein muss, das Organ am Leben zu erhalten und zuverlässig die verschiedenen Bedingungen herzustellen, die für die gentechnischen Verfahren erforderlich sind. Dazu sind sowohl Kompetenzen in der Transplantationsmedizin und in der Gentechnik als auch in der Medizintechnik erforderlich. Das erste liefert die MHH, das zweite die HsH.

Die Anwendung moderner Technologie muss aber auch immer die Ökonomie im Blick haben, um eine nachhaltige Teilhabe erreichen zu können. Daran arbeitet die LUH und analysiert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die Möglichkeiten der Re-Finanzierung. Zusätzlich schaffen die gender- und diversitätssensiblen Effekte der unsichtbaren Organe eine medizinische Perspektive für alle.

GesundheIT: Wenn alles klappt, wann rechnen Sie mit dem Einsatz von IO in der medizinischen Praxis? 

Die Vision des Innovationsverbundes aus MHH, HsH und LUH wird durch die Ausgründung der Allogenetics GmbH in Hannover in die medizinische Praxis umgesetzt. Allogenetics wird diese Innovation durch VC-Finanzierung weltweit etablieren und die erste Vektorproduktionsanlage Niedersachsens aufbauen. Die präklinischen Untersuchungen sind für die Lungentransplantation bereits sehr erfolgreich abgeschlossen worden. Die erste klinische Studie soll daher mit gentechnisch modifizierten, unsichtbaren Lungen in voraussichtlich zwei Jahren starten.

GesundheIT: Wie können weitere Partner aus der Metropolregion in Ihrer Forschung unterstützen? 

Die weltweit einzigartige Innovation der Invisible Organs ist im Handlungsfeld Gesundheit der Metropolregion angesiedelt und verbindet die Bereiche Life Science und Medizintechnik. Die Kombination aus Gen- und Medizintechnik ist ein komplett neues Gebiet, das für die niedersächsische Metropolregion eine außergewöhnlich große Chance bietet, sich als deutschland- und europaweite Referenzregion zu etablieren. Die Metropolregion kann dazu beitragen, die Vernetzung von Menschen, Unternehmen und Wissenschaft zu unterstützen, um Teilprojekte mit synergistischen Effekten zu identifizieren. Dies kann in allen Sektoren erfolgen und wäre insbesondere bei Human Resources, GMP-Produktion und VC-Kapital von großer Bedeutung.

GesundheIT: Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Prof. Blasczyk.

Mehr über Invisible Organs unter https://www.invisibleorgans.de/

„Unsere Studie ist ein wichtiger Baustein für die Literatur, da wir sehr wenig darüber wissen, was mit Patient*innen-Bewertungen in Kliniken passiert. Diese Lücke schließt PASOME“

Martin Emmert, Universität Bayreuth, Projektpartner PASOME

Die Hochschule Hannover und die Universität Bayreuth haben gemeinsam mit ihren Projektpartnern* drei Jahre lang die Patientenzufriedenheit in den sozialen Medien untersucht und Handlungsempfehlungen für Kliniken entwickelt (wir berichteten hier). Die Handlungsempfehlungen beinhalten die Bereiche Prüfung, Einleitung und Erläuterung, Reaktionsgeschwindigkeit, Danke und Entschuldigung, Inhalt, Kontakt und Verweise, Management, Beendigung und Schulung und sind hier im Detail abrufbar: http://www.public-reporting.wp.hs-hannover.de/wp-content/uploads/2021/12/Handlungsempfehlung-Online-Patienten-Feedback-2021-12-20.pdf

Grundlage für die Handlungsempfehlungen sind:

  • Antworten niedersächsischer Krankenhäuser auf Online Feedback auf Google Maps, die Ergebnisse eines Literaturreviews zu Online‐Patienten‐Feedback
  • sieben semistrukturierte Interviews mit Qualitätsmanagern aus niedersächsischen Kliniken zu ihren Erfahrungen im Umgang mit Online‐Patientenfeedback 
  • eine Online‐Befragung zu den möglichen Handlungsempfehlungen zur Beantwortung von Online Patientenfeedback. Hierbei haben 16 Mitarbeiter von niedersächsischen Akutkrankenhäusern die Eignung der Handlungsempfehlungen für Klinikmitarbeiter*innen bewertet. Die Mitarbeiter waren überwiegend im Qualitäts‐ oder Beschwerdemanagement, aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit tätig und hatten schon Online‐Patienten‐Feedback beantwortet. Sie arbeiteten in unterschiedlich großen Krankenhäusern (Bettenanzahl) mit unterschiedlicher Trägerschaft (frei‐gemeinnützig, privat, öffentlich).  

Auf der Abschlussveranstaltung am 23. Juni wurden die Ergebnisse vorgestellt und darüber diskutiert, welche Rolle Patientenerfahrungen und Krankenhausbewertungen in den sozialen Medien für das Public Reporting und die Qualitätstransparenz im Gesundheitswesen haben können. Wir durften mit Prof. Uwe Sander, Projektleiter von der Hochschule Hannover im Nachgang sprechen.

GesundheIT: Herr Prof. Sander, wie kam es zum Projekt und der Kooperation mit der Universität Bayreuth?

Sander: Mit Prof. Dr. Martin Emmert, der inzwischen an der Universität Bayreuth forscht und lehrt, besteht im Forschungsverbund Public Reporting seit mehr als zehn Jahren eine Kooperation. Ziel ist, die Potenziale der Qualitätstransparenz und Patientenzentrierung im Gesundheitswesen zu fördern.

GesundheIT: Social Media ist als Kommunikations- und Interaktionsplattform aus dem patientenorientierten (ambulanten) Gesundheitswesen nicht mehr wegzudenken. Wo sehen Sie Vor- und Nachteile für Gesundheitseinrichtungen?

Sander: Die Vorteile der Verwendung von Erfahrungsberichten und Bewertungen von Patient*innen und Angehörigen in den sozialen Medien und auf Bewertungsplattformen sind a) kostenlose Verfügbarkeit, b) Aktualität c) Konkretheit und Unmittelbarkeit der berichteten Erfahrungen, d) Eignung als Ergänzung zu systematischen Patientenzufriedenheitsbefragungen und Ergebnisse von medizinischen Qualitätssicherungsverfahren, e) Nutzungsmöglichkeit für Anregungen zu Verbesserungsmaßnahmen im Krankenhaus (Prozessoptimierung)  f) Potenzial einer erheblichen positiven Auswirkung auf die Krankenhaus-Reputation.

Die Nachteile sind a) fehlende Repräsentativität der Erfahrungsberichte und Bewertungen, b) geringe Informationen über die Verfasser, c) Verzerrung von Bewertungsmaßstäben (überwiegend sehr gute oder sehr schlechte Bewertungen), d) Manipulationsmöglichkeiten und e) fehlende oder geringe Moderation von Erfahrungsberichten mit dem Ziel, unter anderem Schmähkritik, diffamierende Äußerungen, falsche Tatsachenbehauptungen, unzulässige Verallgemeinerungen und Preisgabe personenbezogener Daten zu verhindern.

Patientinnen und Angehörige möchten Feedback online an das behandelnde Krankenhaus zu einem selbst gewählten Zeitpunkt geben, in eigenen Worten und anonym. Gemeinsam mit Praktiker*innen, insbesondere Qualitätsmanager*innen in Krankenhäusern, wurde diskutiert, wie Patient*innenerfahrungen für die Verbesserung von Reputation und Qualität von Krankenhäusern verwendet werden können. Krankenhäuser haben zahlreiche Probleme, die verhindern, Erfahrungsberichte ihrer Patientinnen und von deren Angehörigen im Internet gezielt für Reputations‐ und Qualitätsverbesserungen nutzen zu können.

GesundheIT: Zentrale Ergebnisse: Was empfehlen Sie Gesundheitseinrichtungen im Umgang mit Patient*innen-Bewertungen?

Sander: Patient*innen und deren Angehörige, die einen Erfahrungsbericht über ihren Krankenaufenthalt verfassen, erwarten in der Regel, dass dieser Bericht von denjenigen gelesen wird, die für die medizinische Behandlung verantwortlich sind. Sie wünschen eine Reaktion, indem Mitarbeiter*innen des Krankenhauses auf die Rückmeldung der Patient*innen und Angehörigen angemessen und öffentlich antworten. Falls Anregungen und Kritikpunkte geäußert wurden, wird gewünscht, dass Verbesserungsmaßnahmen seitens des Krankenhauses erwogen und wenn möglich initiiert werden. Hierüber möchten Patient*innen und deren Angehörige öffentlich informiert werden, also auf der Plattform, auf der der Erfahrungsbericht ist.

GesundheIT: Public Reporting - sollte die Beantwortung und Auswertung zur Standardressource in Gesundheitseinrichtungen werden?

Sander: Die Auswertung und Beantwortung von Erfahrungsberichten über den Krankenaufenthalt ist nur einer von mehreren Aspekten des Public Reportings und somit nur eine von vielen Aufgaben für das Qualitätsmanagement von Krankenhäusern. Aufgrund der Potenziale von Erfahrungsberichten für die Reputation, Darstellung der Patientenzentrierung und Qualitätsverbesserung für Krankenhäuser sollte in den Häusern eine strukturierte Beschäftigung damit und die Festlegung diesbezüglicher  organisatorischer Abläufe erwogen werden. 

GesundheIT: Gibt es Unterschiede im Umgang mit Patient*innen-Feedback im internationalen Vergleich?

Sander: Während in den USA zahlreiche wegweisende Studien zu dem Thema veröffentlicht wurden, sind im staatlichen Gesundheitssystem in Großbritannien sowie in Australien und Irland die konkreten Nutzungen von Erfahrungsberichten für die Qualitätsverbesserung und Prozessoptimierung in Krankenhäusern am weitesten fortgeschritten. In diesen Ländern wurde ein professioneller Online-Feedback-Service für Krankenhäuser und Patient*innen eingerichtet, der in Großbritannien inzwischen mehr als 500.000 Erfahrungsberichte umfasst und mehr als 12.000 Krankenhausmitarbeiter*innen involvierte.

Das Projekt PASOME ist nun nach dreijähriger Laufzeit abgeschlossen.

GesundheIT: Was wünschen Sie sich für die weitere Verwendung der Studienergebnisse nach Projektabschluss? Gibt es weitere Pläne? Wie kann die Metropolregion GmbH weiterhin unterstützen?

Sander: Wir planen, unsere Ergebnisse in Fachzeitschriften zur Diskussion zu stellen und stehen gerne als Ansprechpartner für Krankenhäuser der Region zur Verfügung. Gemeinsam mit weiteren Partnern soll die Möglichkeit untersucht werden, einen professionellen Online-Feedback-Service für Krankenhäuser und Patient*innen nach britischem Vorbild zu entwickeln. Damit würde das Potenzial von Erfahrungsberichten für die Qualitätsverbesserung und Prozessoptimierung in Krankenhäusern künftig besser verfügbar werden.

GesundheIT: Vielen Dank, Herr Prof. Sander.

*Hochschule Hannover, Fakultät III / Zentrum für Qualität und Management im Gesundheitswesen (ZQ) / Qualitätsinitiative – Niedersächsischer Verein zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen e.V. (QI) / Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg / Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH / Techniker Krankenkasse Niedersachsen

Am 11. Juni 2022 wurde die Virologin Professorin Melanie Brinkmann mit dem ScienceHero Preis ausgezeichnet. Mit dem Preis würdigt die Konferenz Biologischer Fachbereiche Menschen und Organisationen, die für gute Lehre und kreative Forschung stehen. Verliehen wurde der Preis bei der Plenartagung des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultätentages, der diesmal in Braunschweig stattfand.

Melanie Brinkmann ist Professorin am Institut für Genetik an der Technischen Universität Braunschweig und leitet am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) die Forschungsgruppe „Virale Immunmodulation“. Sie hat unter anderem zur Verbreitung von SARS-CoV-2 über Aerosole geforscht. Mit dem ScienceHero-Preis wird vor allem ihre Rolle in der Wissenskommunikation und beim Wissenstransfer während der Corona-Pandemie honoriert.

„Sie macht das, was ein Wissenschaftler, eine Wissenschaftlerin, machen sollte: Mit dem Wissen in die Öffentlichkeit gehen, die Politik beraten, gewissenhaft, neutral und sachlich. Frau Professorin Brinkmann hat das brillant erfüllt. Unsere Preis-Entscheidung fiel deshalb, einfach gesagt, zwangsnotwendig auf sie: Sie ist unser Science Hero“, sagt Professor Robert Hänsch, Beiratsmitglied der Konferenz Biologischer Fachbereiche (KBF) und stellvertretender Sprecher des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultätentag (MNFT) in seiner Laudatio.

Zur Person

Melanie Brinkmann studierte Biologie in Göttingen, London und Berlin, und schloss ihre Promotion unter der Betreuung von Prof. Dr. Thomas F. Schulz am Institut für Virologie der Medizinischen Hochschule Hannover/Universität Hannover ab. Danach ging sie mit einem DFG-Forschungsstipendium als Postdoktorandin an das Labor von Prof. Dr. Hidde L. Ploegh an das Whitehead Institute for Biomedical Research in Cambridge, USA. Dort erforschte sie viereinhalb Jahre lang die angeborene Immunantwort, die eine essentielle Rolle bei der Erkennung viraler Infektionen spielt. 2010 übernahm sie die Leitung der Nachwuchsgruppe „Virale Immunmodulation“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Seit 2018 ist sie Professorin am Institut für Genetik an der TU Braunschweig mit dem Forschungsschwerpunkt „Infektionen und Wirkstoffe“ und forscht an der Interaktion zwischen Viren und dem Immunsystem. Professorin Brinkmann ist stellvertretende Vorsitzende des Expert*innenrats der Bundesregierung, Beiratsmitglied des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie (LIV) in Hamburg und Beiratsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Virologie (GfV).

Über den Preis

Die Konferenz Biologischer Fachbereiche vergibt den Preis seit 2015. Ausgezeichnet werden damit Personen und Organisationen, die Probleme im Bereich der Biowissenschaften durch gute Lehre und kreative Forschung aufgezeigt oder gelöst haben. Bisherige Preisträger waren Prof. Axel Brennicke (Universität Ulm) für seine „Ansichten eines Profs“ im Laborjournal, Prof. Reinhard Paulsen (KIT) für sein Engagement bei der Gründung der KBF und der Entomologische Verein Krefeld, der eine vielbeachtete Studie über das Insektensterben erarbeitete.

Über KBF und MNFT

Die Konferenzen der Fachbereiche widmen sich der interuniversitären Kommunikation in den jeweiligen Fachbereichen. Die Biologischen Fakultäten und Fachbereiche der deutschen Universitäten organisieren sich dazu in der Konferenz der Biologischen Fachbereiche (KBF). Die KBF berät beim Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultätentag (MNFT), der Dachorganisation aller naturwissenschaftlichen Fachbereiche, sowie in der Hochschul-Rektorenkonferenz (HRK) in fachspezifischen Angelegenheiten. Auf der MNFT-Plenartagung am 11. Juni 2022 wurde Prof. Robert Hänsch von der TU Braunschweig zum 1. Oktober 2022 zum Sprecher gewählt.

Kontakt:

Prof. Dr. Robert Hänsch
Technische Universität Braunschweig
Institut für Pflanzenbiologie
r.haensch@tu-braunschweig.de

Quelle: https://magazin.tu-braunschweig.de/pi-post/sciencehero-preis-fuer-melanie-brinkmann/

Hannover bietet mit seiner starken wissenschaftlichen Basis in Medizininformatik und Künstlicher Intelligenz, seinen Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Inkubatoren und Netzwerken eine starke Basis für die Umsetzung neuer Ideen im Gesundheitssektor. Die DIGITAL HEALTH CITY HANNOVER bündelt Einrichtungen, Projekte, Initiativen und wird durch ein starkes Partnernetzwerk aus Gesundheitswirtschaft Hannover e.V., Medizinische Hochschule Hannover, Hochschule Hannover, WirtschaftsDienst, BioRegioN, Innovationszentrum Niedersachsen und der Deutschen Messe AG getragen. Wir durften mit Cornelia Körber, Projektleiterin Life Science & MedTec bei hannoverimpuls GmbH, sprechen und stellen die Initiative vor!

GesundheIT: Frau Körber, die Digital Health City in drei Worten?

Körber: Innovationstreiber, aktives Ökosystem, internationale Strahlkraft.

GesundheIT: Was sind die Ziele der Initiative? Welche Schwerpunkte setzen Sie und was ist das Besondere im Vergleich zu anderen Standorten in Deutschland?

Körber:

  • Die aktive Digital Health-Szene in Hannover entwickelt innovative Technologien, Produkte, Lösungen und Geschäftsmodelle für eine in die Zukunft gerichtete Gesundheitsversorgung der Patient*innen.
  • Hannover hat ein aktives Digital Health-Ökosystem als fruchtbaren Boden für alle Gesundheitsakteure, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern und wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
  • Hannover wird international als Leuchtturm-Standort für Digital Health wahrgenommen. Unser Netzwerk ist Ansprechpartner und bietet eine Plattform für Interessierte weltweit.

Unsere Vision: Die Gesundheitsszene in Hannover und Region ist heute schon stark: Es sind rund 76.000 Beschäftigte, d. h. jede und jeder siebte sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer*in ist im Gesundheitsbereich tätig. Damit stellt sie die stärkste Branche dar. Hannover bietet die größte kommunale Kliniklandschaft bis zur Supramaximalversorgung und ist Vorreiter in patientenorientierter Spitzenforschung. Vor allem in den Bereichen Infektion, Regeneration, Transplantation, Implantate, Biomedizintechnik und Hören ist Hannover Weltklasse. Als starker Versicherungsstandort punktet Hannover mit enger Anbindung zu den entscheidenden Kostenträgern.

Der digitale Wandel in der Gesundheitsbranche ist Chance und Herausforderung zugleich. Wir wollen dafür den Standort Hannover mit seinem Ökosystem für die Zukunft gestalten; mit Einbindung von Wirtschaft und Wissenschaft, Versorgung und letztendlich uns allen. Ganz nach unserem Oberbürgermeister Belit Onay, "Das wohl beste Leben, was wir leben können, ist ein gesundes Leben."

GesundheIT: Was erwartet die Teilnehmenden beim ersten Netzwerktreffen?

Körber: Am 1. Juli treffen sich rund 130 Player der Gesundheitswirtschaft im Neuen Rathaus Hannover zum Networking und zum Kick-off vom DHCH. In drei Panels zu den Themen „Robotik“, „Telemedizin“ und „Fachkräftemangel“ können sich Teilnehmende einen ersten Überblick über den Status-quo, die verschiedenen Projekte und den Bedarf verschaffen, Partner vom DHCH kennenlernen und ihre Expertise für die Gesundheitsversorgung von morgen mit einbringen.

GesundheIT: Wie können Unternehmen und Initiativen Mitglied werden?

Körber: Ab 1. Juli geht die DHCH-Website online. Hier präsentiert sich das zukünftige Digital Health Ökosystem – ganz übersichtlich auf einer interaktiven Seite. Hier können Unternehmen und Initiativen ganz einfach sichtbarer Teil des Ökosystems werden. Zudem freuen wir uns über weitere Akteure, die sich aktiv als Kooperations- oder Projektpartner einbringen wollen.

GesundheIT: Welche Kooperationen mit weiteren erstklassigen Gesundheitseinrichtungen sind in der Metropolregion geplant; wie können andere Standorte von Ihrem Vorhaben profitieren?

Körber: Wir sind offen für neue Projekte und Unterstützungsmöglichkeiten und wollen das Ökosystem überregional, national und international ausbauen. Wer Teil der Initiative sein will, sollte unbedingt Kontakt zu uns aufnehmen. Denn: Erfolg ist Teamleistung!

GesundheIT: Vielen Dank, Frau Körber.

Hinweis der Redaktion GesundheIT: Unter der Schirmherrschaft von Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay und Regionspräsident Steffen Krach, findet am Freitag, 1. Juli 2022 um 9.00 Uhr im Neuen Rathaus Hannover, Empfangssaal 1. OG die Auftaktveranstaltung statt. Dazu laden Sie die DHCH Partner*innen herzlich ein. Werden Sie mit Ihrer Expertise und Ihren Ideen Teil der DHCH-Community und melden Sie sich zur Veranstaltung an!

Weitere Infos und Anmeldung

Mehr über die Digital Health City Hannover unter: https://www.wirtschaftsfoerderung-hannover.de/de/Handlungsfelder/Digital_Health_City_Hannover.php

Ein Team von Wissenschaftler*innen um Professor Karsten Hiller vom Braunschweiger Zentrum für Systembiologie BRICS hat eine körpereigene, entzündungshemmende Substanz entdeckt: Mesaconsäure. Dieses Molekül könnte ein Wirkstoffkandidat sein, der sich zur Behandlung eines Schocks in Folge einer Blutvergiftung und bei Autoimmunerkrankungen wie Schuppenflechte und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (IBD) weiterentwickeln lässt – ohne die bekannten Nebenwirkungen bisher im Einsatz befindlicher entzündungshemmender Medikamente.

Das Team von Karsten Hiller beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Stoffwechselprodukten, die bei der menschlichen Immunabwehr eine Rolle spielen. So haben die Wissenschaftler*innen 2013 entdeckt, dass Immunzellen im Blut und Gehirn von Säugetieren Itakonsäure herstellen – eine Substanz, die man bis dahin nur im Stoffwechsel von Pilzen gefunden hatte. Itakonsäure ist ein natürliches Antibiotikum, bekämpft also Bakterien und hemmt Entzündungen.

In der Folge dieser Entdeckung war Itakonsäure Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Dabei stellten die Forschenden fest, dass zusammen mit der Itakonsäure stets ein weiteres Stoffwechselprodukt auftritt: die Mesaconsäure. Mesaconsäure ist eine chemische Verbindung, die der Körper aus zuvor entdeckten Itakonsäure herstellt. „Uns hat interessiert, ob die Mesaconsäure ebenfalls einen Einfluss auf Entzündungsreaktionen hat“, sagt Professor Hiller. Bei Versuchen mit Labormäusen erkannte das Forschungsteam, dass dies tatsächlich der Fall ist: Verabreicht man Mesaconsäure an Mäuse, deren Immunsystem gerade „überschießt“, also eine zu starke Abwehrreaktion zeigt, geht es den Mäusen schnell besser. Ihre Chance, zu überleben, steigt.

Wenn Wissenschaftler*innen solch einen Effekt festgestellt haben, müssen sie die dahinterliegenden Stoffwechselprozesse genau verstehen. Bei den Untersuchungen fand das Forschungskonsortium, an dem neun Forschungsgruppen aus Braunschweig, Bonn, Luxemburg, La Jolla (USA) und Arhus (Dänemark) beteiligt sind, heraus, dass Mesaconsäure ähnlich stark entzündungshemmend wirkt wie Itakonsäure. „Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied“, sagt Dr. Wei He, Mitarbeiter in Hillers Team und Erstautor der Studie: „Im Gegensatz zu Itakonsäure blockiert Mesaconsäure nicht das Enzym Succinatdehydrogenase. Dieses Enzym hat eine zentrale Rolle im Stoffwechsel der Zellen.“

Succinatdehydrogenase (SDH) ist Teil der Atmungskette. Wird es – beispielsweise durch Itakonsäure – gehemmt, hat dies starke negative Wirkungen auf den Stoffwechsel. Da Mesaconsäure keinen blockierenden Effekt auf das SDH-Enzym, aber eine ähnlich gute entzündungshemmende Wirkung wie Itakonsäure hat, ist es als potentieller Wirkstoff gegen Autoimmunerkrankungen besonders interessant. „Wir müssen jetzt untersuchen, warum Mesaconsäure einen positiven, entzündungshemmenden Effekt auf das Immunsystem hat“, sagt He.

Wenn die Forschenden auf diese Frage präzise Antworten haben, können mit Mesaconsäure konkrete pharmakologische Untersuchungen beginnen. „Die Mesaconsäure könnte als Wirkstoff gegen Krankheiten in Frage kommen, bei denen das Immunsystem zu stark aktiviert ist – beim septischen Schock und vor allem auch Autoimmunerkrankungen wie Psoriasis oder bei entzündlicher Darmerkrankung“, so Professor Hiller. „Unter Umständen mit weniger Nebenwirkungen als andere Medikamente. Denn es handelt sich um eine Substanz, die der Körper selbst produziert und die die zentralen Stoffwechselwege in den Zellen nicht beeinträchtigt.“

Zur Studie

Die Studie entstand im Forschungsschwerpunkt „Infektionen und Wirkstoffe“ der TU Braunschweig im BRICS. Für die Untersuchungen wurde mit Mäusen und Immunzellen von Blutspendern gearbeitet. Die Tierversuche fanden am Luxembourg Institute of Health und an der Universität Bonn statt und wurden unter strengen Sicherheits- und Tierschutzauflagen durchgeführt. In Kooperation mit Hendricus Garritsen vom Klinikum Braunschweig wurden primäre Immunzellen von Blutspendern untersucht.

Über das BRICS: „Understanding Health“

Am Braunschweiger Zentrum für Systembiologie, dem BRICS, wollen die Forschenden verstehen, was Gesundheit bedeutet. Dafür untersuchen sie die molekularen Zusammenhänge, die biologische Systeme im Gleichgewicht halten. Am BRICS betrachten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit modernsten Methoden biologische Zellen und erfassen ganzheitlich und präzise den Status hochkomplexer Stoffwechsel-Netzwerke. Mit Hilfe computergestützter, bioinformatischer Methoden identifizieren sie diejenigen Faktoren, die biologische Systeme aus dem Gleichgewicht geraten lassen – und so zu Erkrankungen führen. Die so gewonnenen Erkenntnisse bringt das BRICS in die Entwicklung innovativer Therapien ein.

Das BRICS ist ein gemeinsames Forschungszentrum der TU Braunschweig, des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) und dem Leibniz-Institut DSMZ – Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH.

Kontakt:

Prof. Dr. Karsten Hiller
Technische Universität Braunschweig
Institut für Biochemie, Biotechnologie und Bioinformatik
Abteilung Bioinformatik und Biochemie
Rebenring 56
38106 Braunschweig
karsten.hiller@tu-braunschweig.de

Quelle: https://magazin.tu-braunschweig.de/pi-post/wirksam-gegen-ein-ueberschiessendes-immunsystem/

Die Förderstiftung MHH plus zeichnet Professor Dr. Christoph Huber und PD Dr. Anna Saborowski aus, Wissenschaftsminister Björn Thümler und MHH-Präsident Prof. Michael Manns überreichen Preise.

Der Johann-Georg-Zimmermann-Forschungspreis und die Johann-Georg-Zimmermann-Medaille gehören zu den höchsten Auszeichnungen für Verdienste in der Krebsforschung in Deutschland. Die Förderstiftung MHH plus hat die Preise am Montag, 13. Juni 2022, in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) verliehen. Der Niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur Björn Thümler hat gemeinsam mit MHH-Präsident Prof. Dr. Michael Manns die Preise überreicht.

„Der Johann-Georg-Zimmermann-Preises ist eine der wichtigsten Auszeichnungen Deutschlands im Bereich der Krebsforschung. Ein Blick in die Biografie des Namensgebers macht auf verblüffende Art und Weise deutlich, wie aktuell und relevant sein Leben und Wirken für heutige medizinische Diskurse ist. Die heutigen Preistragenden stehen beispielhaft für die Potenziale einer modernen Krebsforschung“, so Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler. „Ich gratuliere Dr. Anna Saborowski und Prof. Dr. Christoph Huber von ganzem Herzen. Nicht zuletzt, weil mir die Stärkung von Transfer, Translation und Wissenschaftskommunikation ein Herzensanliegen bleibt – nicht nur bei der Bekämpfung der Volkskrankheiten.“

Mit der Johann-Georg-Zimmermann- Medaille wurde Prof. Dr. Christoph Huber, ehemaliger Leiter der III. Medizinischen Klinik am Universitätsklinikum Mainz und Mitgründer des Unternehmens BionTech, für seine Verdienste um die Immuntherapie bei onkologischen Erkrankungen ausgezeichnet. Seine Arbeiten zur translationalen Entwicklung der mRNA-Impftechnologie haben die Behandlung solider Tumoren und von Infektionskrankheiten wie SARS-CoV 2 maßgeblich verändert. Darüber hinaus hat er als Firmenmitgründer und Wissenschaftsnetzwerker im Kampf gegen Krebs immer wieder neue Impulse gesetzt.

Den mit 10.000 Euro dotierten Johann-Georg-Zimmermann-Forschungspreis - gerichtet an junge Krebsforscherinnen und Krebsforscher für ihre aktuelle wissenschaftliche Arbeit - erhielt PD Dr. Anna Saborowski, Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der MHH. Als Clinical Scientist an der Schnittstelle zwischen Krankenversorgung und Grundlagenforschung treibt sie die Weiterentwicklung von Therapieansätzen für die Behandlung von Gallengangkarzinomen maßgeblich voran.

„Mit Prof. Dr. Christoph Huber ehren wir einen der herausragenden und innovativsten Onkologen unserer Zeit, der mit seinen Mitarbeitenden und Weggefährten der Immuntherapie von Tumoren den Weg in den klinischen Alltag geebnet hat“, betont MHH-Präsident Prof. Dr. Michael Manns. „Und PD Dr. Anna Saborowski zeigt durch ihre Forschungen, wie bedeutsam die personalisierte Tumortherapie für die Überwindung von Therapieresistenzen ist.“

Herausragender Forscher und Netzwerker

Prof. Dr. Christoph Huber gilt als einer der Pioniere und Visionäre der immunologischen Krebsforschung, deren richtungsweisendes Potenzial der gebürtige Wiener schon in den siebziger Jahren erkannte. 2008 gehörte Professor Huber zu den Mitgründern der Mainzer Biotechnologieunternehmen Ganymed und BioNTech, denen er als Aufsichtsratsmitglied  verbunden war und ist. Christoph Huber studierte Medizin in Innsbruck, absolvierte hier auch seine Facharztausbildung in Innerer Medizin und schloss dort ebenfalls seine Habilitation ab. 1983 begründete er in Innsbruck eine der ersten europäischen Stammzelltransplantationseinrichtungen. Ab 1990 prägte Prof. Huber fast 20 Jahre lang die III. Medizinische Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz – unter seiner Ägide wurde sie zu einer international führenden Einrichtung zur Behandlung bösartiger Blut- und Tumorerkrankungen und einem Zentrum für Stammzelltransplantation und Palliativmedizin. Durch sein Engagement konnten zahlreiche Forschungsergebnisse der Krebsimmuntherapie aus dem Labor in die klinische Anwendung übertragen werden. In den mit Prof. Ugur Sahin und Prof. Özlem Türeci gegründeten Firmen Ganymed und BionTech sind inzwischen mehr als ein Dutzend hoch innovativer Immuntherapeutika auf dem Weg zum Markt gebracht und die erste Covid-19 Impfung zugelassen worden.  Prof. Huber wirkte in beeindruckender Weise als Gutachter und Funktionsträger in nationalen und internationalen Forschungsförderungsorganisationen sowie als wissenschaftlicher Berater in deutschen Großforschungseinrichtungen wie dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, dem  GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München oder dem Max-Delbrück Zentrum in Berlin. Sein Gespür für innovative Ideen, sein Blick für herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und sein Geschick, beides zusammen zu bringen, zeichnen den Träger des Bundesverdienstkreuzes, des Zukunftspreisträgers des Bundespräsidenten und Ehrenbürgers der Städte Mainz und Innsbruck besonders aus. Prof. Huber ist außerdem Autor von mehr als 450 wissenschaftlichen Publikationen in renommierten Zeitschriften, Herausgeber zahlreicher internationaler Wissenschaftsjournale, des deutschsprachigen Standardlehrbuchs „Die innere Medizin“ sowie des ersten Leitfadens für Krebsimmuntherapie.

Krebspatientinnen und -patienten passgenau behandeln

Krebserkrankungen von Gallenwegen und Leber sind das Spezialgebiet von PD Dr. Anna Saborowski, Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der MHH. Die 40jährige beschäftigt sich mit den molekularen Signalwegen, die zur Entstehung von bösartigen Tumoren beitragen und sich als Angriffspunkt für zielgerichtete Therapien eignen.

Nach ihrem Medizinstudium an der MHH und ihrer grundlagenwissenschaftlichen Ausbildung als Postdoktorandin am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, NY, hat sich Anna Saborowski den Herausforderungen einer „dualen Karriere“ in Wissenschaft und Forschung gestellt: sie ist einerseits als Ärztin in die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit gastrointestinalen Tumorerkrankungen eingebunden, zum anderen leitet sie eine grundlagenwissenschaftliche Arbeitsgruppe. Die Mutter von zwei Kindern engagiert sich darüber hinaus aktiv in der Nachwuchsförderung, beispielsweise als Gleichstellungsbeauftragte eines Sonderforschungsbereiches oder innerhalb des Nachwuchsgremiums der Europäischen Leberforschungsorganisation „EASL“. Was treibt sie an? „In den vergangenen Jahren konnten durch ein verbessertes Verständnis der Pathophysiologie maligner Erkrankungen ganz neue Konzepte in onkologische Therapien integriert werden. Ich glaube, dass sich diese neuen Konzepte noch weiter ausbauen lassen und wir in naher Zukunft mehr Tumorpatientinnen- und Patienten individualisiert therapieren werden. Aktuell an der Schnittstelle zwischen Klinik und Forschung zu arbeiten, ist extrem spannend und motivierend“, sagt sie. Im Mausmodell erforscht Dr. Saborowski beispielsweise den Einfluss bestimmter genetischer Veränderungen auf einen Tumor. Eignet sich die genetische Modifikation als Zielstruktur für medikamentöse Therapieansätze? Lässt sich, zum Beispiel durch Kombination unterschiedlicher Medikamente, ein vorzeitiges Therapieversagen abwenden? Auf diese und ähnliche Fragen sucht Anna Saborowski nach Antworten.

Bildunterschrift: MHH-Präsident Prof. Dr. Michael Manns, die beiden Preisträger PD Dr. Anna Saborowski und Prof. Dr. Christoph Huber sowie Wissenschaftsminister Björn Thümler Copyright: Karin Kaiser / MHH

Quelle: https://www.mhh.de/presse-news/spitzenforschung-im-kampf-gegen-den-krebs

Zum zwölften Mal wird der Niedersächsische Gesundheitspreis von den Niedersächsischen Ministerien für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung sowie für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung, der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, der AOK - Die Gesundheitskasse für Niedersachsen sowie der Apothekerkammer Niedersachsen ausgeschrieben. Gesucht werden Beispiele guter Praxis in den folgenden Preiskategorien:

1. Zurück zum gesunden Alltag: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene stärken

2. Gender und Gesundheit: Angebote in der Gesundheitsversorgung und -förderung gendersensibel gestalten

3. eHealth – Digitale Technologien für mehr Gesundheit

Die Bewerbungen können bis zum 31. Juli 2022 bei der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. eingereicht werden. Eine Bewerbung ist ausschließlich digital möglich.

Mehr hier.

Wie unterscheiden sich krebskranke von gesunden Zellen? Ein neuer Machine-Learning-Algorithmus namens „ikarus“ kennt die Antwort, berichtet ein Team um den Bioinformatiker Altuna Akalin vom MDC nun im Fachjournal „Genome Biology“. Das Programm hat eine charakteristische Gensignatur gefunden.

Wenn es darum geht, in Datenbergen Muster zu identifizieren, ist ein Mensch einer künstlichen Intelligenz (KI) chancenlos unterlegen. Besonders das maschinelle Lernen, ein Teilbereich der KI, wird oft eingesetzt, um Gesetzmäßigkeiten in Datensätzen zu finden – sei es zur Aktienmarktanalyse, Bild- und Spracherkennung oder der Klassifizierung von Zellen. Um Krebszellen zuverlässig von gesunden Zellen zu unterscheiden, hat ein Team um Dr. Altuna Akalin, Leiter der Technologieplattform „Bioinformatik und Omics-Datenwissenschaft“ am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC), nun ein Machine-Learning-Programm namens „ikarus“ entwickelt. In den Tumorzellen fand das Programm ein krebsübergreifendes Muster, bestehend aus einer charakteristischen Kombination an Genen. Der Algorithmus entdeckte in dem Muster außerdem Arten von Genen, die man bislang nicht eindeutig mit Krebs in Verbindung gebracht hatte, schreibt die Forschungsgruppe im Fachjournal „Genome Biology“.            
 
Maschinelles Lernen bedeutet im Grunde, dass ein Algorithmus anhand von Trainingsdaten selbstständig lernt, bestimmte Fragestellungen zu beantworten. Seine Strategie ist dabei, nach Mustern in den Daten zu suchen, die ihm bei der Problemlösung helfen. Nach der Trainingsphase kann das System das Gelernte verallgemeinern und somit unbekannte Daten beurteilen. „Eine große Herausforderung war, geeignete Lerndatensätze zu bekommen, bei denen Fachleute bereits eine präzise Einteilung der Zellen in ‚gesund’ und ‚krebskrank’ vorgenommen hatten“, erzählt Jan Dohmen, der Erstautor der Studie.           
 
Eine überraschend gute Trefferquote    
 
Obendrein sind Datensätze aus Einzelzell-Sequenzierungen häufig verrauscht. Das bedeutet: Die Informationen über die molekularen Eigenschaften der einzelnen Zellen sind nicht ganz genau – weil zum Beispiel in jeder Zelle eine unterschiedliche Anzahl Gene erkannt wird oder die Proben nicht immer gleich verarbeitet werden. Sie hätten unzählige Publikationen durchforstet und etliche Forschungsgruppen kontaktiert, um ausreichend gute Datensätze zu bekommen, berichten Dohmen und sein Kollege Dr. Vedran Franke, der Ko-Leiter der Studie. Mit Daten von Lungen- und Darmkrebszellen trainierte das Team den Algorithmus schließlich, bevor dieser auf Datensätze von weiteren Tumorarten angewendet wurde.           
 
In der Trainingsphase musste ikarus eine Liste charakteristischer Gene finden, anhand derer das Programm die Zellen einteilen konnte: „Wir haben verschiedene Ansätze ausprobiert und verfeinert“, sagt Dohmen. Eine zeitintensive Arbeit, wie alle drei Forscher erzählen. „Ausschlaggebend war, dass ikarus letztlich zwei Listen nutzte: eine für Krebsgene und eine für Gene anderer Zellen“, erklärt Franke. Nach der Lernperiode konnte der Algorithmus auch bei anderen Krebsarten zuverlässig zwischen gesunden und krebskranken Zellen unterscheiden, etwa in Gewebeproben von Leberkrebs oder Neuroblastomen. Seine Trefferquote lag meist nur wenige Prozent daneben. Das hat auch die Forschungsgruppe überrascht: „Wir haben nicht erwartet, dass eine gemeinsame Signatur existiert, die Tumorzellen von verschiedenen Krebsarten so genau definiert“, sagt Akalin. „Noch können wir allerdings nicht sagen, dass die Methode für alle Krebsarten funktioniert“, fügt Dohmen hinzu. Damit ikarus zuverlässig bei der Krebsdiagnose helfen kann, wollen die Forschenden ihn noch an weiteren Tumorarten testen.

KI als vollautomatische Diagnose-Hilfe  
 
Die Klassifizierung „gesund“ versus „krebskrank“ ist dabei längst nicht das Ende des Projekts. In ersten Tests konnte ikarus bereits zeigen, dass sich die Methode auch andere Zelltypen oder bestimmte Subtypen von Tumorzellen unterscheiden kann. „Wir wollen den Ansatz verallgemeinern“, sagt Akalin, „also ihn derart weiterentwickeln, dass er alle möglichen Zelltypen in einer Biopsie unterscheiden kann“.
 
In der Klinik schauen sich Pathologen Gewebeproben von Tumoren meist nur unter dem Mikroskop an und identifizieren so die unterschiedlichen Zelltypen. Das ist mühsam und kostet viel Zeit. Mit ikarus könnte dieser Schritt irgendwann vollautomatisch ablaufen. Außerdem könne man aus den Daten zusätzlich etwas über die unmittelbare Umgebung des Tumors ableiten, sagt Akalin. Das wiederum könnte den Ärztinnen und Ärzten helfen, eine optimale Therapie auszuwählen. Denn oftmals deute die Zusammensetzung des Krebsgewebes und der Mikroumgebung darauf hin, ob eine bestimmte Behandlung oder ein Medikament anschlagen wird oder nicht. Darüber hinaus hilft die KI möglicherweise, neue Medikament zu entwickeln: „Wir können mit ikarus Gene identifizieren, die potenzielle Treiber der Krebserkrankung sind“, sagt Akalin. Neuartige Wirkstoffe könnten dann an diesen molekularen Zielstrukturen ansetzen.            
 
Zusammenarbeit im Home-Office          
 
Bemerkenswert an der Publikation sei, dass die notwendigen Arbeiten vollständig während der Coronapandemie durchgeführt wurden. Alle Beteiligten waren zu der Zeit nicht an ihren normalen Arbeitsplätzen im Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB), das zum MDC gehört. Sie hielten im Home-Office nur über digitale Kanäle Kontakt. „Das Projekt beweist, dass man eine digitale Struktur schaffen kann, die wissenschaftliche Arbeiten unter diesen Bedingungen ermöglicht“, hebt Franke hervor.

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)
 
Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft gehört zu den international führenden biomedizinischen Forschungszentren. An den MDC-Standorten in Berlin-Buch und Mitte analysieren Forscher*innen aus rund 60 Ländern das System Mensch – die Grundlagen des Lebens von seinen kleinsten Bausteinen bis zu organübergreifenden Mechanismen. Wenn man versteht, was das dynamische Gleichgewicht in der Zelle, einem Organ oder im ganzen Körper steuert oder stört, kann man Krankheiten vorbeugen, sie früh diagnostizieren und mit passgenauen Therapien stoppen. Die Erkenntnisse der Grundlagenforschung sollen rasch Patient*innen zugutekommen. Das MDC fördert daher Ausgründungen und kooperiert in Netzwerken. Besonders eng sind die Partnerschaften mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin im gemeinsamen Experimental and Clinical Research Center (ECRC) und dem Berlin Institute of Health (BIH) in der Charité sowie dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK). Am MDC arbeiten 1600 Menschen. Finanziert wird das 1992 gegründete MDC zu 90 Prozent vom Bund und zu 10 Prozent vom Land Berlin.

Bildunterschrift: Proben von Darmkrebstumoren kann man – gemäß der Genexpression – in vier Standard-Subtypen einordnen. Die Plattform maui hat die Proben ähnlich klassifiziert. Allerdings gibt es nun Hinweise darauf, dass Subtyp 2 (in grün, Abbildung A) eigentlich in zwei Subtypen unterteilt werden müsste (grün und hellblau in Abbildung B).  

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Altuna Akalin           
Leiter der Technologieplattform „Bioinformatics and Omics Data Science“
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC)            
+49 30 9406-4271        
Altuna.Akalin@mdc-berlin.de

Originalpublikation:

Jan Dohmen et al. (2022): „Identifying tumor cells at the single-cell level using machine learning“. Genome Biology, DOI: 10.1186/s13059‐022‐02683‐1

Weitere Informationen:

https://genomebiology.biomedcentral.com/track/pdf/10.1186/s13059-022-02683-1.pdf - Paper
https://www.mdc-berlin.de/de/news/press/maui-deep-learning-krebs-kuenstliche-int... -

Quelle: https://idw-online.de/de/news795386

Weitere 13 Millionen Euro fürs Klinikum Braunschweig vom Land

Ende 2023 wird der Standort Holwedestraße des Städtischen Klinikums seine Pforten schließen. Alle aktuell dort befindlichen Bereiche ziehen dann in die Salzdahlumer Straße. Ein Großprojekt nicht nur für Braunschweig, sondern auch für Niedersachsen: Nachdem das Land in diesem Jahr bereits 20 Millionen Euro für das Projekt in das Investitions­programm aufgenommen hatte, kommen nun weitere 13 Millionen hinzu.

Oberbürgermeister Dr. Thorsten Kornblum: „Damit leistet das Land einen weiteren wichtigen Beitrag für das derzeit größte öffentliche Investitionsprojekt in Braunschweig. Mit dem Zwei-Standorte-Konzept  können wir unseren regionalen Maximalversorger für die Zukunft sicher aufstellen.“

Neben den Fachbereichen Ästhetische, Plastische und Handchirurgie und der HNO-Klinik ziehen auch die Unfallchirurgie und die Orthopädie von der Holwedestraße in die Salzdahlumer Straße um. Durch die Zusammenlegung wird die größte zentrale Notaufnahme außerhalb der Universitätskliniken in Niedersachsen entstehen – sie wächst von 950 auf 1450 Quadratmeter, aus bisher 27 Behandlungsplätzen werden 40.

Quelle: Stadt Braunschweig | presse-service.de

Melanie Wendling wird neue Geschäftsführerin des bvitg

Führungswechsel beim Bundesverband Gesundheits-IT – bvitg e. V.: Melanie Wendling übernimmt die Geschäftsführung des Verbandes und tritt die Nachfolge von Sebastian Zilch an. „Wir schauen dankbar auf Jahre erfolgreicher Arbeit von Sebastian Zilch als Geschäftsführer des Verbandes zurück. Gleichzeitig freuen wir uns sehr, dass wir mit Frau Melanie Wendling wieder eine außerordentlich kompetente Geschäftsführerin gefunden haben, die mit dem Gesundheitswesen bestens vertraut ist und mit unseren Mitgliedern die Digitalisierung in Deutschland weiter voranbringen wird“, erklärt Gerrit Schick, Vorstandsvorsitzender des bvitg.

Melanie Wendling war zuletzt als Abteilungsleiterin Gesundheit und Rehabilitation bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung tätig. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Abschluss der RTL-Journalistenschule arbeitete sie als persönliche Referentin von Bundesministerin Ulla Schmidt und Bundesminister Philipp Rösler im Bundesministerium für Gesundheit. Im Anschluss wechselte sie zu Telekom Healthcare Solutions, wo sie die Politik und Verbandsvertretung verantwortete.

„Die Digitalisierung des Gesundheitswesens hat in den letzten Jahren rasant an Tempo gewonnen. Ich freue mich sehr darauf, diesen Wandel zusammen mit dem Team des Bundesverbandes Gesundheits-IT aktiv mitzugestalten – zum Wohle der Patient*innen und als vernehmbare Stimme der IT-Anbieter in Deutschland”, sagt Melanie Wendling. Der auf der DMEA angekündigte partizipative Strategieprozess des Bundesministeriums für Gesundheit ist für sie eines der drängendsten Themen der nächsten Zeit: „Klar muss dabei aber auch sein: Eine nachhaltige, innovative und digitale Gesundheitsversorgung in Deutschland kann nur gemeinsam mit dem bvitg und seinen Mitgliedsunternehmen gestaltet werden”, so Wendling.

Gemeinsam mit seinen über 100 Mitgliedsunternehmen arbeitet der bvitg daran, die Gesundheits-IT für alle Versorgungsbereiche zu etablieren, um so die gesundheitliche Versorgung der Menschen in Deutschland zu verbessern.

Quelle: https://www.bvitg.de/melanie-wendling-wird-neue-geschaeftsfuehrerin-des-bvitg/

Die kartenlose Anmeldung in der E-Rezepte App ist da

Die Mobil Krankenkasse geht als eine der ersten Krankenkassen neue Wege und ermöglicht Versicherten die vereinfachte Nutzung digitaler Lösungen. Als eine der ersten gesetzlichen Krankenkassen hat sie die kartenlose Anmeldung für die E-Rezept-App umgesetzt.

Das E-Rezept ist in Deutschland bereits angekommen. Zum 1. Juni 2022 sind bereits über 25.000 E-Rezepte eingelöst worden. In den kommenden Wochen ist ein erheblicher Zuwachs zu erwarten. Bald wird jeder Versicherte in den Kontakt mit dem E-Rezept kommen.

Damit die Versicherten die Vorteile des elektronischen Rezeptes mittels App nutzen können, sind grundsätzlich eine Gesundheitskarte mit NFC-Funktion (Funkstandard zur drahtlosen Datenübertragung), eine PIN sowie ein NFC-fähiges Smartphone zusätzlich erforderlich. Für die Versicherten der Mobil Krankenkasse geht es aber auch einfacher und schneller: Als eine der ersten gesetzlichen Krankenkassen hat die Betriebskrankenkasse die kartenlose Anmeldung für die E-Rezept-App umgesetzt. Alle Versicherten, die ein sicheres Identifikationsverfahren durchlaufen haben, können sich damit direkt in der E-Rezept-App anmelden. Dabei wird die „ePA App“ der Mobil Krankenkasse für die Anmeldung am E-Rezept-System genutzt.

 „Die Mobil Krankenkasse leistet damit Pionierarbeit und zeigt, dass es immer auch einen konstruktiven Weg im Sinne der Versicherten gibt, um digitale Lösungen allen Beteiligten zur Verfügung zu stellen“, erklärt Florian Hartge, Chief Production Officer bei der gematik GmbH. Mario Heise, Vorstandsvorsitzender der Mobil Krankenkasse, ergänzt: „Gemeinsam mit der gematik GmbH, der Mobil ISC GmbH sowie der Research Industrial Systems Engineering (RISE) Forschungs-, Entwicklungs- und Großprojektberatung GmbH haben wir verschiedene Möglichkeiten rund um die Anmeldung für das E-Rezept geprüft und ermöglichen unseren Versicherten fortan einen kartenlosen und zeitgemäßen Zugang zur Verschreibung.“

Die neue Möglichkeit zur Anmeldung in der App löst dabei zwei Herausforderungen, die bisher die Nutzung des E-Rezepts für Versicherte erschwert haben: Zum einen umgeht sie den Umstand, dass viele Versicherte noch keine NFC-fähige elektronische Gesundheitskarte oder noch keine dazugehörige PIN von ihrer Krankenversicherung erhalten haben. Zum anderen können sich nun auch Versicherte in der App anmelden, deren Smartphones keine NFC-Schnittstelle haben. Diesen Versicherten wird nun über ein sicheres und vereinfachtes Anmeldeverfahren die Nutzung der E-Rezept App ermöglicht. Diese Möglichkeit besteht in Anlehnung an das Prozedere, wie es die gesetzlichen Krankenkassen auch für die elektronische Patientenakte vorsehen und bietet neben Post- bzw. Video-Ident auch die Möglichkeit, sich persönlich im Service Point seiner Krankenkasse vorzustellen. Weitere 87 gesetzliche Krankenkassen stehen ebenfalls in den Startlöchern, diesen vereinfachten Prozess für ihre Versicherten anzubieten.

Wie es konkret funktioniert, zeigt die Anleitung „Kurz erklärt“:

https://www.gematik.de/media/gematik/Medien/E-Rezept/Dokumente/gematik_KurzErklaert_E_Rezept_Fasttrack.pdf

Nds. Digitalministerium sucht Robotik Talente: Bewerben bis zum 15.8.

Mit dem „Robotik Talente Preis“ zeichnet das Niedersächsische Digitalisierungsministerium auch 2022 wieder herausragende Abschlussarbeiten und Schulprojekte auf dem Gebiet der Robotik aus. In vier Kategorien werden Preisgelder von insgesamt 10.000 Euro vergeben. Bewerbungsschluss ist der 15.8.2022

Das Niedersächsische Wirtschafts- und Digitalisierungsministerium vergibt in diesem Jahr erneut den „Robotik Talente Preis“ für Promotionen sowie Master- und Bachelorarbeiten im Bereich Robotik. Mit einem Sonderpreis soll zusätzlich ein herausragendes Schulprojekt ausgezeichnet werden. Der Preis für Schulen würdigt insbesondere die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen im Bereich Robotik, die besonders geeignet ist, soziale Barrieren und tradierte Rollenbilder zu überwinden und darüber hinaus ohne freiwilliges Engagement von Lehrerinnen und Lehrern sowie Eltern kaum möglich ist.

Preise für Promotion, Master, Bachelor und Schulprojekte

Bis zum 15.8.2022 können Bewerbungen eingereicht werden. Eine Jury aus Robotikexperten wird die Auswahl treffen. Die Auszeichnungen werden während der Digitalkonferenz TECHTIDE 2022 am 12. und 13.9.2022 übergeben. Insgesamt werden Preisgelder in Höhe von 10.000 Euro vergeben. Der „Robotik Talente Preis“ in der Kategorie „Promotion“ ist mit 3.000 Euro, in der Kategorie „Masterarbeit“ mit 2.500 Euro sowie in der Kategorie „Bachelorarbeit“ mit 1.500 Euro dotiert. Beim Sonderpreis für Schulen winkt ein Preisgeld von 3.000 Euro.

„Nachwuchs fit und sichtbar machen“

„Robotik und Künstliche Intelligenz sind zentrale Technologien für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft“, sagt Niedersachsens Digitalisierungsstaatssekretär Stefan Muhle. „Insbesondere an unseren Hochschulen arbeiten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler an den Innovationen von morgen. Mit unserem Wettbewerb wollen wir den Nachwuchs fit für die robotergestützten Veränderungen machen und die Arbeit junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich Robotik sichtbar machen.“

Bewerbungen können ab sofort unter christina.blume@mw.niedersachsen.de eingereicht werden. Quelle: Niedersächsisches Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung

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